Zweifel.

Ich sollte nicht so viel lesen. Nee, wirklich nicht. Habe wohl zuviel Zeit. Und was macht man, wenn man zuviel Zeit hat? Dummheiten, ganz klar. Dummheit Nummer 1 ist, dass ich mir in den Kopf gesetzt habe, meinen Blog optisch und strukturell etwas aufzupeppen. Oder komplett umzukrempeln. Dummheit Nummer 2 baut auf Nummer 1 auf. Nämlich, dass ich mich auf die Suche nach anderen Blogs gemacht habe. Einfach, um mir Inspiration zu holen. Was man aber tunlichst lassen sollte. Denn entweder hast Du die Inspiration im eigenen Kopf oder Du gehst in den Garten, Unkraut ausreissen. Nun gut, ich dachte, ich versuche es mal mit dem Lesen anderer Blogs. Da bin ich auf einen gestossen, der hat mich total runtergezogen. Zweifel gesät. Weil er einfach so unfassbar negativ über Kanada berichtet hat. Alles grau. Alles schlecht. Alles die grösste Lüge des Lebens. „Wie geht es Dir in Kanada?“ – „Not too bad“. Was bedeutet, der höfliche Kanadier umschreibt damit, dass sein Leben fast unmerklich auf der untersten Stufe der Zivilisation angekommen sei.

Bei anderen läuft alles besser

Dann der nächste Blog, der meine Zweifel trefflich genährt hat. Da lese ich, dass die Auswanderer ihre PR in sage und schreibe einem halben Jahr über Express Entry erhalten haben. Was?? Ein halbes Jahr? Und wir sitzen hier immer noch und warten uns die Seele aus dem Leib? Wie kann es bei denen so absolut easy gehen? Und überhaupt: die haben Schritte vollzogen, an die wir nicht einmal im Geringsten gedacht haben. Zum Beispiel, seine Studienabschlüsse über WES (World Education Services) zertifizieren zu lassen. Damit man mit diesen zertifizierten Abschlüssen auf dem kanadischen Arbeitsmarkt landen kann.

Oh, was für Anforderungen: Diplomurkunde einsenden. Vordiplom im versiegelten Umschlag durch die Uni direkt an WES senden lassen. Diplomprüfungszeugnis ebenfalls versiegelt direkt an WES und dann noch durch die Uni offiziell ausgestellte Leistungsnachweise über belegte Fächer, Semesterwochenstunden, Seminare, Kolloquien etc. einreichen. Studienbuch gilt nicht. Und beglaubigt übersetzt muss es sein. Leute, das ist Jahrzehnte und mindestens 3 Umzüge her! Hab ich alles nicht mehr. Dreimal umgezogen ist wie einmal abgebrannt. Keine Unterlagen mehr, ganz einfach. Ich fühle mein Selbst plötzlich auf ein paar Seiten Papier reduziert.

Wenn ich das nicht habe, bekomme ich dann in Kanada keinen Job? Wobei, bekäme ich einen mit dem ganzen Kram? Man hört ja immer wieder, dass die früheren beruflichen Leistungen in Kanada nichts zählen. Man also quasi von Null dort anfängt. Und das in meinem Alter (und dieses Jahr werde ich erst mal so richtig alt, nur noch ein paar Tage)! Was also wird passieren in Kanada? Diejenigen, die alles zusammen haben, werden es wohl meistern. Und wir?

Wenn es doch endlich losgehen würde. Dann könnte man den ganzen Gedankenkram beiseite schieben. Ärmel hochkrempeln, Kisten packen, Haus verkaufen und dann einfach los. Aber nein. Stattdessen reden wir darüber, dass die geliebte Tochter nun wahrscheinlich doch das neue Schuljahr noch hier beginnen muss. Und darüber, dass ich meinen Job nicht kündigen kann und nach der Elternzeit im September doch wieder zurück muss. Was praktisch eigentlich gar nicht geht, weil man Kleinkind und Frau nicht stundenlang alleine zu Hause auf sich allein gestellt lassen will. Und damit sind ja die Zweifel über die ungewisse Zukunft in Kanada nicht ausgeräumt. Wo werden wir am Anfang leben? Wie lange wird das Ersparte reichen? Was werden wir arbeiten? Und dann noch der Kulturschock? Was machen wir hier eigentlich gerade?

Ich gehe jetzt raus. Heute sollen wieder 30 Grad werden. Da weicht einem die Birne von selber auf und das Einzige, an das man denken muss ist, dass man genug Wasser bekommt.