Von der Kunst, Zerstreuung zu finden

Es besteht immer noch die Herausforderung, neben dem Alltag für ein gutes Maß an Zerstreuung zu sorgen. Immer nur im Haus zu sein – schlafen, essen, aufräumen, putzen – macht auf die Dauer keinen Spaß. Oder besser: ist langweilig. Mittlerweile können wir zwar spazieren gehen. Aber der Wind ist immer noch sehr kalt und wenn der Blick gefühlte 50 km in’s Leere streift, dann ist auch das nicht unbedingt Zerstreuung. Wie mein Sohn einmal treffend bemerkte: „Man freut sich ja schon, wenn ein paar Grashalme hochkant stehen. Dann bleibt der Blick wenigstens an etwas hängen.“

Nun, ganz so drastisch ist es nicht. Aber man kann nicht verhehlen, dass anderswo die Gelegenheiten für Amusement zahlreicher vorhanden sind als in der Prairie, 30 km nördlich der amerikanischen Grenze. Da hilft es auch nicht, dass ich weiß, dass jenseits der Grenze noch mehr Eintönigkeit herrscht als hier. So ist die Aufgabe, für Abwechslung im Alltag zu sorgen, mittlerweile eine der wichtigsten in unserem Alltag geworden.

Wie immer, wenn man etwas näher nachforscht, finden sich plötzlich kleine Diamanten, wo man sie nicht vermutet. Einige davon will ich hier vorstellen.

Bella’s Castle in Morden

Auf dieses Prachtstück an Gastfreundschaft wären wir wohl nie gestoßen, wenn nicht unmittelbar an unserer Straßenkreuzung eines dieser Werbeschilder gestanden hätte, dass „Bella’s Castle – Lunch on Sunday 11-3pm“ anpreist. Immer im Vorbeifahren fiel es uns in’s Auge. Bis eines Tages – es war ein etwas trüber Samstagnachmittag, wie geschaffen zum Langweilen – die beste Ehefrau entschied, diesem „Castle“ einen Besuch abstatten zu wollen. Man würde dort auch Tee und Kuchen servieren. In Ermangelung von Alternativen machten wir uns auf den Weg.

Zweimal fuhren wir an dem Grundstück vorbei, weil das Navi uns partout weismachen wollte, dass sich Bella’s Castle linkerhand von uns befand. Es war aber auf der rechten Straßenseite. Die folgenden 1.5 h waren Entspannung pur. Lilly, die Inhaberin, stellte sich als freundliche junge Dame heraus, die uns duftenden Manitoba-Roiboos Tea und dazu Carrot Cake und Lime Cheese Cake servierte. Wir unterhielten uns blendend mit ihr und erfuhren, dass Bella’s Castle nicht nur Teestube und Restaurant, sondern auch Bed & Breakfast ist. Warum dieses ursprüngliche Haus nicht in offiziellen Reiseführern der Region zu finden ist, ist uns schleierhaft. Das Haus ist liebevoll in seiner ursprünglichen Aufteilung erhalten und renoviert. Es strahlt Behaglichkeit und Wärme aus und ist mit Sicherheit einen Besuch wert.

Neubergthal, Mennonite Historical Village

Dieses Fundstück ist vielleicht nur etwas für Insider, die mennonitische Wurzeln haben, oder die sich für die Geschichte der Mennoniten in Kanada interessieren. Uns hat es einen interessanten Nachmittag beschert.

Neubergthal wurde 1876 von mennonitischen Siedlern, die aus der Region Bergthal in Rußland stammten, gegründet. Das Besondere an diesem Dorf ist, dass es in der gleichen Weise wie die Dörfer der Mennoniten in Rußland angelegt wurde. Dieser Zustand ist bis heute erhalten. In liebe- und mühevoller Kleinarbeit restaurieren die Dorfbewohner die alten Gebäude. Sie werden dabei durch „Parcs Canada“, die Regierung von Manitoba und einen rührigen Verein unterstützt.

Wir hatten das Vergnügen einer Privatführung. Die Dame, die uns führte, wurde in Neubergthal geboren und lebt zusammen mit 32 anderen Familien hier. Landwirtschaft betreiben die meisten Bewohner, manche fahren Trucks oder arbeiten in der Stadt, aber alle wollen in diesem Dorf bleiben. Für uns wäre das eher gewöhnungsbedürftig, da ringsum, wie sollte es anders sein, nur ausgedehnte Felder sind.

Anhand der Gebäude kann man gut erkennen, wie die Siedler damals lebten. Zum Teil sind sogar noch alte Zeitungen von 1910 als Tapeten an den Wänden vorzufinden. Eine Scheune mit alten landwirtschaftlichen Geräten, Farmutensilien und Werkzeug zeigt, mit welch einfachen Mitteln das Land bewirtschaftet wurde. Dennoch verstanden es die Mennoniten auf Grund ihres enormen Fleißes und handwerklichen Geschicks, ihre Dörfer, Städte und Felder in „blühende Landschaften“ zu verwandeln. Das brachte und bringt ihnen bis heute großes Ansehen in der kanadischen Bevölkerung ein.

Für uns ist es immer wieder erstaunlich, wenn wir hier, in der geografischen Mitte von Kanada, so vielen Zeugnissen niederländisch/deutscher Kultur begegnen. Und mit „low German“ existiert hier eine Sprache, die beinahe von jedem verstanden oder sogar auch gesprochen wird. Da wir uns häufig auf „Plautdietsch“ unterhalten, müssen wir also aufpassen was wir im Geschäft reden 🙂

Minnewasta Golf Course, Morden

Nein, wir sind überhaupt keine Golfspieler. Und wenn wir es wären, würden wir für 8 Monate unsere Golfschläger polieren, bis die Plätze hier wieder bespielbar wären.

Es ist letzte Woche Mittwoch, als die Sonne uns ein erstes, zaghaftes Vorgefühl auf den Frühling gibt. Die Temperatur steigt auf angenehme 7 Grad und wir fahren zum Lake Minnewasta nach Morden. Das ist der mit dem meterdicken Eis und den Trucks der Eisfischer darauf. Eigentlich wollen wir etwas am See entlanglaufen, aber durch das Schmelzwasser des Schnees ist es so matschig, dass wir das Vorhaben gleich wieder aufgeben.

Stattdessen gehen wir einen kaum sichtbaren Pfad entlang, der uns, teilweise noch mit dicken Schneehaufen überseht, unversehens an den Minnewasta Golf Course bringt. Echt, hier gibt es viele Bäume, fast ein richtiges Wäldchen. Auch wenn noch alles im Winterschlaf ist, so lässt sich doch erahnen, dass es im Sommer hier sicher ganz idyllisch ist. Der Golfplatz ist sehr weitläufig, gut gepflegt und mit Baumgruppen und Wasserläufen durchzogen. Wir nutzen die Gelegenheit und schlendern auf teilweise asphaltierten Wegen durch den Platz. Ein Vergnügen, das uns im Sommer nicht vergönnt wäre, denn dann sind außer Golfern keine Fußgänger erlaubt. So aber genießen wir die frische Luft, das zaghafte Zwitschern der Vögel und die Abwechslung.

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