Urlaub

Nach Studium und Zulassungsexamen hatten wir uns einen Urlaub verdient. So ganz klassisch kanadisch. Mit Auto und Wohnwagen etwas die wilde Natur erkunden, mit Freunden aus unserer Gemeinde am Lagerfeuer sitzen, Marshmallows rösten und einfach die Seele baumeln lassen.

Das war zumindest die Theorie. In der Praxis hatten wir zwar einen Campingplatz, aber keinen Wohnwagen. Die großen Vermieter waren alle ausgebucht. Kleinere Vermieter hatten vielleicht noch einen Wohnwagen übrig, aber gaben den nicht zum Selber-Ziehen frei. Man sollte stattdessen für das Bringen und Abholen des Trailers $500 (zuzüglich zur ohnehin üppigen Miete) bezahlen. Da das Budget für den Urlaub begrenzt war, wollten wir das nicht machen.

Am Ende wurden wir über eine Suche auf Facebook fündig. Ein junges Ehepaar aus Vernon überließ uns seinen alten, aber zumutbaren Wohnwagen. Es sollten ja auch nur 5 Tage sein. Es benötigte einige Anläufe bis wir den Wohnwagen auf dem Hof hatten: erst passte der elektrische Anschluß nicht an unser Auto. Dann passte unsere Anhängekupplung nicht, der Hitchball war zu klein. Zum Schluß war unsere Kupplung auch noch zu niedrig, so dass der Wohnwagen vorne zu tief über dem Boden lag. Letztendlich konnten wir mit Hilfe eines Adapters und einer höhenverstellbaren Anhängerkupplung Auto und Wohnwagen sicher verkuppeln, den Wohnwagen beladen und dann ging es 200km nach Osten in das Gebiet der Central Kootenays. Schönes, wildes Kanada.

Wir verbrachten wunderbare Tage, angefüllt mit allerlei angenehmen Aktivitäten. Baden, Sonnen, Spiele am Strand, Sandburgen mit den Kleinen bauen, Motorbootfahren, Baden in den Hot Springs, die es rings um Nakusp zahlreich gibt, Lagerfeuer und natürlich der allabendliche Kampf gegen Heerscharen von Moskitos, die uns besonders nach Einbruch der Dunkelheit heimsuchten. Bei immer noch 25 Grad dick eingemümmelt in unsere Sweatshirts und Decken, konnten wir nur zwischen zwei Übeln wählen: erbarmungslos schwitzen oder erbarmungslos gestochen zu werden. Beides war nicht angenehm, aber das gehört eben zu so einem Urlaub in der Wildnis auch dazu.

Den Abfahrtstag zogen wir dann vor. Anstatt am Montag morgen abzureisen, entschieden wir uns spontan, schon am Sonntagabend zu fahren. Der Wohnwagen war schnell gepackt, alles Notwendige im Auto verstaut und so machten wir uns gegen 6pm auf den Weg. Der sollte uns diesmal „oben herum“ über Revelstoke führen. Zum einen wollte ich die sehr kurvige Strecke über Fauqier vermeiden und den TransCanada Highway nehmen, zum anderen wollten wir die Rockies rund um Revelstoke sehen. Den Umweg von 60 km nahmen wir dafür gern in Kauf.

Hätten wir es vielleicht doch anders gemacht. Der Urlaub hätte besser geendet.

Nicht einmal 10 min nach unserer Abfahrt, auf einer leicht abschüssigen Straße, passierte das Unglück. Die Straße war auf etwa 60 m durch Auswaschungen sehr uneben und die im Belag befindlichen Risse und Dellen waren notdürftig mit etwas Asphalt ausgebessert. Obwohl ich nicht zu schnell fuhr, etwa 75 km/h, geriet unser Wohnwagen in’s Schlingern. Erst sachte, aber er ließ sich, obwohl ich sofort Gas gab, um ihn gerade zu ziehen und zu stabilisieren, nicht mehr einfangen. Immer stärker schleuderte er, bis er nicht mehr kontrollierbar war.

Es waren die schrecklichsten 20 sek meines Lebens. Zu wissen, dass man das Gespann nicht mehr kontrollieren kann und das man gleich einen Crash haben wird. Es wird ja immer gesagt, dass in solchen Situationen das Leben noch einmal an einem vorüber zieht, aber bei mir war nichts dergleichen. Nur unendliche Frustration, dass meine Familie in dieser Situation war. Und ich nichts mehr machen konnte. Dann nur noch ein wahnsinniger Knall (vom Überschlag und die Airbags explodieren extrem laut) und dann Totenstille.

Erste Frage: „Alle am Leben?“ Ja, Gott sei Dank. Dann die geordnete Evakuierung aus dem Schrotthaufen. Das Schiebedach ließ sich öffnen, zuerst die Tochter raus. Dann den Kleinen hindurchgereicht. Danach meine Frau und zum Schluß ich. Wir stehen draußen wie paralysiert. Erster Check: niemand hat etwas gebrochen, keine Kopfverletzungen, ein paar Schnittwunden und Prellungen. Man kann es kaum glauben. Keine ernsthaften Verletzungen.

Es gibt einen Gott.

2 Comments

  • Luisa

    Hallo Joe,
    Ach du Schreck – was für ein Unglück!
    Aber wie gut, dass niemandem etwas passiert ist. Da nimmt man den Blechschaden doch gern in Kauf.
    Ich hoffe, dass die Abwicklung des Schadenfalls gut läuft und ihr tief durchatmen könnt.
    Kann ich zum bestandenen Zulassungsexamen gratulieren? 🙂
    Alles Liebe,
    Luisa

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    • Joe Post author

      Hallo Luisa,
      Na, auf den Blechschaden hätte ich gern auch noch verzichtet. 🙂 Zumal wir den Trailer aus eigener Tasche bezahlen müssen. Ansonsten, ja, wir sind sehr glimpflich davon gekommen. Die Schadensabwicklung lief zum Glück relativ unkompliziert ab. Ob ich das Zulassungsexamen bestanden habe, weiß ich leider immer noch nicht. Es ist ja nicht so, dass wir im Computerzeitalter leben würden und man so etwas auch automatisieren könnte. ICCRC braucht 6-8 Wochen, um herauszufinden, ob ich das Examen bestanden habe. Also: keep fingers crossed.
      VG, Joe

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