Und plötzlich ist es vollbracht

Komisch. So lange hat man auf diesen Tag hin gefiebert. Oder besser gesagt – hingewartet. Dann ist es plötzlich vollbracht. Alles, was man sich unter dem Berg einer Auswanderung vorgestellt hat, ist auf einmal Geschichte. Ok, nicht ganz, ein bisschen kommt ja noch mit dem Umzug des Containers. Aber das Wichtigste, die Einwanderung, ist geschafft.

Der Morgen fing gemütlich an. Sonne pur, ein Blick auf ein türkisgrünes Wasser, das Licht, die Farben – alles schrie förmlich danach, nicht aus Miami weg zu gehen. Hätten wir an diesem Tag nach Deutschland zurückkehren müssen, wären wir wahrscheinlich tieftraurig gewesen. Aber mit der Gewissheit, nur nach Norden zu fliegen und dabei auf dem gleichen Kontinent zu bleiben, fiel uns der Abschied leicht.

Trödelig wie wir sind, packten wir in Ruhe zusammen und stellten dann auf dem Weg zum Airport plötzlich fest, dass gar nicht mehr so viel Zeit geblieben war bis zum Ende des Check In. Und tanken musste ich ja auch noch. Zum Glück gibt es am Miami Airport eine Tankstelle. In meiner Hektik tankte ich aber versehentlich zu wenig und bemerkte dies erst kurz vor dem Rental Car Return. Es fehlten schätzungsweise 2-3 Gallonen im Tank. Diese Unachtsamkeit sollte mich später schlappe $48 Gebühren für das Nachtanken durch den Vermieter kosten. Wie ärgerlich.

Im Flughafen angekommen, kämpften wir uns mit unserem Gepäckberg vom Rental Car Center in den Check In Bereich unserer Fluggesellschaft. Zum Glück war der leicht zu finden und mit dem Drop off unserer 4 Koffer, des Kinderwagens und des neu in Miami gekauften Kindersitzes ging alles glatt. Das Einzige, was ich bis heute nicht verstehe ist, dass unsere Koffer schwerer waren als beim Abflug in Deutschland. Und wir haben in Florida überhaupt nicht geshoppt, was das Mehrgewicht erklären würde. Nun gut, wir waren mit 2 Koffern bei 25kg statt der erlaubten 23kg, die beiden anderen waren darunter, so dass es am Ende im Gesamtgewicht wohl stimmte.

Was wird der Fluggesellschaft Flair Airlines im Internet an schlechten Kundenbewertungen hinterhergeworfen. Wir konnten uns jedoch zu keiner Zeit beschweren. Der Flug hob mit leichter Verspätung in Miami ab und war, trotz einiger heftiger Turbulenzen über Georgia, insgesamt sehr ausgewogen. Nur unser Kleiner hat sich diesmal zu Tode gelangweilt und nach knapp 2h Schlaf wurden uns die restlichen 2h Flugzeit doch recht anstrengend. Witzig fand ich, dass wir in einer offensichtlich aus der Tschechischen Republik geleasten Maschine flogen. Die Aufschriften auf den Security Cards und auch auf allen Tags im Flugzeug waren Tschechisch und Englisch.

Irgendwie ging der Flug rum, wenn er auch ziemlich zäh war. Dann der Landeanflug auf Winnipeg. Die Landschaft unter uns in strahlendes Weiß gehüllt, welch ein Kontrast zu Florida. Ein sehr merkwürdiges Gefühl, jetzt gleich in der neuen Heimat zu landen. Ich freute mich darauf, dass wir uns diesmal an der Schlange für Canadian Citizen and Permanent Residents anstellen konnten. Doch, weit gefehlt. Es gab nämlich überhaupt nur eine Schlange. Ich hatte schlicht vergessen, dass wir ja nicht aus Europa einreisten, wo der größte Teil der Passagiere eher Touristen sind, die bei Ankunft separiert werden.

Die Schlange führte uns geradewegs zu einer Reihe Immigration Kiosks, das sind diese elektronischen Terminals, wo man die Einreise erledigen kann und nur bei Auffälligkeiten zum Officer muss. Hier scheiterten wir gleich erst mal. Denn, was sollten wir bei „Country of Residence“ jetzt angeben? Deutschland? Canada? Die Aufsicht schickte uns dann gleich an den Schalter mit einem Officer. Hier wurde ein Formular ausgefüllt, das bekamen wir mit, sollten dann unsere Koffer holen und vor dem Verlassen des Baggage Claim das Formular beim Zoll vorzeigen. Was wir auch taten.

Am Zoll wurden wir dann in einen separaten Raum umgeleitet und der Officer, der gerade noch in seinem Passkontrollhäuschen saß, kam, um uns persönlich durch die Immigration zu helfen. Er war noch sehr jung und offensichtlich war dies seine erste Immigration. Eine Nachfrage ergab, dass solche direkten Immigrationen in Winnipeg eher selten sind. Was man auch daran merkte, dass der Officer alle Schritte strikt nach Handbuch vornahm, welches aufgeschlagen an seinem Platz lag.

Die folgenden zwei Stunden gaben uns einen sehr guten Einblick in kanadische Arbeitsstandards. Der Kollege hatte die Ruhe weg. Ich glaube, in Deutschland wären wir nach einer halben Stunde raus gewesen. Hier dauerte es eben länger. Ungeduldig waren wir nicht, aber den Kleinen langweilte das Ganze immer noch. So, dass er wiederholt um die Ecke verschwand und den Sicherheitsbereich auf eigene Faust erkunden wollte. Was uns wiederum etwas Stress bescherte.

Alle Gedanken, welche wir uns vorher um das Prozedere gemacht hatten, erledigten sich wie von selbst. Es gab keine inquisitorischen Fragen. Es wurden schlicht Einreisestempel in unsere Pässe gedrückt mit einer Identifikationsnummer und einem großen I für Immigration. Die Landing Documents wurden ausgefüllt und mussten unterzeichnet werden. Dann wurden Kopien von unserer „Goods-to-follow“-Liste genommen, ebenso die Erklärung über unsere Finanzmittel, das ganze noch an der Kasse in den Computer eingegeben und das war es. „Congratulations and Welcome to Canada“. Vollbracht. Wir sind jetzt Permanent Residents of Canada und können es noch gar nicht fassen. Es wird wohl auch noch eine Weile so bleiben.

Eine schöne Überraschung erwartete uns, als wir aus dem Sicherheitsbereich in die Halle des Flughafens kamen. Unsere Verwandten hatten die ganze Zeit dort treu auf uns gewartet, um uns zu begrüßen. Das war so lieb, sie waren extra eine Stunde nach Winnipeg zum Flughafen gefahren! Sie begleiteten uns noch bis zu unserem Mietwagen, gaben uns eine Tüte mit leckeren Sachen für das Abendbrot mit und dann fuhren wir die letzten 8km des Tages zu unserem Hotel. Morgen werden wir zum Mittagessen bei ihnen sein.

Das Super8 Hotel Winnipeg West hat uns positiv überrascht. Ein sehr freundlicher Kollege an der Rezeption hieß uns freundlich willkommen und das Zimmer ist das bisher mit Abstand ruhigste Hotelzimmer seit unserem Abflug aus Deutschland. So viele Eindrücke auf einmal. Reichlich geschafft fielen wir in unsere Betten. Die erste Nacht in Canada als PR.

4 Comments

  • SonjaM

    Willkommen in Kanada! Bei uns hatte die Einreise mit Permanent Residence Status seinerzeit vielleicht eine halbe Stunde gedauert, aber das war Calgary 2005, und die hatten sicherlich mehr Erfahrung (und Personal). Jetzt geht’s richtig los! LG aus dem Schwarzwald, SonjaM

    Reply
    • Joe Post author

      Ja, eine halbe Stunde wäre für uns auch angenehmer gewesen, aber an die etwas langsamere Gangart hier kann man sich auch gewöhnen.
      VG aus dem eisigen Winnipeg, Joe

      Reply

Leave a Comment

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.