Oh, wie schön ist die besinnliche Weihnachtszeit. Man schlendert gemütlich mit einer Tasse Glühwein über den Weihnachtsmarkt, leise erklingt heimeliger Gesang wie von Engelschören hoch droben, der Schnee fällt weich und flockig und unter den Schuhen knirscht es bei jedem Schritt. Die Lichterbögen in den Fenstern werfen gemütliches Licht und alle Menschen sind entspannt, freundlich, ja, fast liebevoll miteinander. Der nahende Heiligabend malt ein Lächeln voller Vorfreude auf die Gesichter der Kinder und selbst der alte Pförtner am Werkstor, der sonst immer so grimmig dreinschaut, hat ein Räucherkerzchen angesteckt und einen kleinen beleuchteten Tannenbaum im Wärterhäuschen.

&%$?;!“/@ Zur Realität!

„Ich muss noch unbedingt einkaufen vor Weihnachten“, so die beste Ehefrau. Ich weiß. Seufzend beschließen wir, am Freitagmorgen um kurz vor 9 Uhr früh in die geweihten Hallen des Shoppingtempels zu fahren. In der Hoffnung, eine günstige Zeit zum Einkaufen erwischt zu haben. Es war keine günstige Zeit.

Der Parkplatz gerammelt voll. Ihr kennt diese beige-grauen Autos, die von in Würde ergrauten Damen zielgerichtet mit 35 Versuchen in die viel zu enge Parklücke bugsiert werden? „Das kann ja heiter werden“, denke ich und parke etwas weiter hinten. Die beste Ehefrau steigt mit Kind aus. Plötzlich sehe ich, dass ganz weit vorne, am Eingang, gerade ein Parkplatz frei wird, bevorzugt für Familien mit Kindern. Gang rein, rückwärts raus und hingedüst. Frau und Kind kommen gemächlich hinterhergelaufen.

Kurz vor dem Parkplatz nähert sich von links eine junge Frau mit quengelndem Kind an der Hand. Beide mit lila Strähne im Haar. Ein schneller Blick – die sind noch weit genug entfernt, dass ich vor ihnen in die Parklücke komme. Ich habe die Tür noch nicht mal richtig aufgemacht, schon steht die Holde mit dem Gör neben dem Auto. Eine regelrechte Schimpftirade ergießt sich auf mich. Erstens, wäre das ja mal ein Parkplatz für Mütter mit Kind. Zweitens, wie könnte ich es wagen, vor einer Mutter mit Kind in die Parklücke zu fahren? Wenn das Kind nun vor mein Auto gelaufen wäre? Sie übersieht meine Frau mit unserem Jungen, die sich neben mich gesellt hat. Ihr steht der Stress förmlich in’s Gesicht geschrieben, weil sich ihr Weltbild ob eines so dreisten Vaters gerade in Luft aufgelöst hat.
Oh, Du grausliche Weihnachtszeit.

Im Supermarkt räumen sie doch tatsächlich schon die Weihnachtssachen AUS den Regalen. 4 Tage vor Heiligabend. Kommen wohl bald die Osterhasen rein. Die Damen älteren Semesters haben ihre Autos gegen Einkaufswagen eingetauscht und üben in den Gängen weiter, was sie schon auf dem Parkplatz nicht geschafft haben. Überall drängt es und staut es sich. Die Kassenscanner verbreiten Kakophonie, vermischt mit dem wummernden Summen der Kühlaggregate. Zum Bersten volle Einkaufswagen warten in den Gängen auf ihre Besitzer. Kaufen! Kaufen! Kaufen! Das Kind auf meinem Arm beginnt langsam ungeduldig zu werden. Zu viel Licht, zu viel Lärm. Und als quälenden Höhepunkt versucht eine Retortensängerin mit plärrender Stimme ein banales Liedchen über die Lautsprecheranlage zu bringen oder vielmehr zu stöhnen. Unterbrochen von Werbung für Schaumwein, Fischkonserven und Ansagen für Kasse 2. Oh, Du grausliche Weihnachtszeit.

Heisa, ab auf den Weihnachtsmarkt

Szenenwechsel. Der Weihnachtsmarkt unserer Stadt ist berühmt. Wofür, weiß ich nicht. Wahrscheinlich, weil es ihn schon seit 584 Jahren gibt. Ansonsten ist er eine Ansammlung von Buden, in denen Räuchermännel, Filzpantoffeln, Strickmützen, Kochlöffel, GlasgeblasenesWassertanks vor dem Weihnachtsmarkt und Esoterisches verkauft werden. Nicht zu vergessen die Unmengen von Freß- und Trinkbuden. Gebrannte Mandeln sind auch dieses Jahr wieder teurer – 4,50€ für eine Minitüte. Glühwein erzielt Gewinnspannen von bis zu 1000% und ist doch nur besser gepanschtes Zuckerwasser. Den Vogel schießt ein heimisches Weingut ab, das für die (kleine) Tasse angeblichen BIO-Glühwein 6€ verlangt. Plus 5€ Pfand. Nicht zu übersehen und umso befremdlicher sind die martialisch anmutenden Sicherungsmaßnahmen rund um den Weihnachtsmarkt. In Wirklichkeit ist der Markt eine kleine Festung. Riesige, schwarzummantelte Wassertanks sollen wem auch immer Einhalt gebieten. Die Zufahrten sind mit Betonblöcken und Reifentötern verrammelt. Die Polizisten schauen grimmig drein und frieren. Viele von ihnen sehen so aus, als ob sie nicht mal einen 100m Lauf überstehen würden – hier haben sie offensichtlich Verstärkung aus den Bürostuben abgeordnet. Ich fühle mich dennoch nicht beschützt und fröstele dabei. Von oben fällt passend zum Szenario ein ungemütlicher, kalter Nieselregen. Zum ersten Mal habe ich auf dem Weihnachtsmarkt einen Stand gesehen, der Speisen ‚Halal‘ anbietet.
Oh, Du grausliche Weihnachtszeit.

Der Countdown läuft. Noch 24 Tage bis zum Abflug.