Loslassen

So langsam leert sich das Haus. Das ist paradox, denn es leert sich nicht wegen des bevorstehenden Umzuges nach Kanada. Der ist immer noch nicht in Sicht und bestenfalls noch meilenweit entfernt. Nein, ganz heimlich, still und leise ist dieser „Loslassen“-Lebensabschnitt angebrochen, den man zwar schon vor Augen hatte, aber jedesmal trotzig wieder beiseite geschoben hat. Als ob man es verhindern könnte. Kann man aber nicht.

Nun ist also auch unser zweiter Sohn aus dem Haus. Nachdem wir am vergangenen Mittwoch seine Habseligkeiten und die neu erworbenen Malm-, Billy- und wie-sie-sonst-noch-heißen-IKEA-Herausforderungen in einem gemieteten Kleinlaster an seinen neuen Wohnort gebracht haben, kam gestern der endgültige Abschied. Mit dem Noch-Firmenfahrzeug und dem weinenden kleinen Bruder im totalen Regenchaos (wie passend!), sind wir nach Mittweida gefahren, knapp 60 km entfernt und gefühlt ziemlich in der Pampa. Irgendwie fühlte es sich noch schlimmer an als bei unserem ersten Sohn. Der blieb wenigstens in unserer Nähe.

Loslassen. Das sagt sich so einfach dahin. Klar, wir haben unsere Kinder ja nicht gepachtet und es ist gut, dass sie ihren eigenen Weg gehen. Aber nach über 20 Jahren durch alle Höhen und Tiefen ist es ein komisches Gefühl, jetzt an 2 leeren Zimmern vorbeizugehen, die wir nur notdürftig mit etwas Möblierung versehen haben. Es liegen keine getragenen Klamotten mehr im Flur, in der Küche stapelt sich wundersamer Weise kein benutztes Geschirr. Die ausgedehnte morgendliche Duschorgie samt kriegerischem Scharmützel mit Unmengen von Haarspray und Deo ist ebenso passé. Nur eine leise Wehmut ist geblieben. Etwas fehlt.

Auch Loslassen macht Sinn

Bei aller verstohlener Traurigkeit sind wir vor allem aber dankbar. Dafür, dass wir unsere Söhne so lange Zeit begleiten durften und dass sie jetzt zu wunderbaren Menschen geworden sind, die ihr Leben in die eigenen Hände nehmen. Uns wird es in der nächsten Zeit mit unserer Tochter und dem kleinen Hemdenmatz (der ja noch unbedingt geboren werden wollte) sicherlich auch nicht langweilig.

Da nichts im Leben zufällig passiert, passt auch die Abnabelung von unseren Söhnen zum jetzigen Zeitpunkt. Sollte demnächst tatsächlich die Nachricht der kanadischen Behörden über die Erteilung der PR eintreffen, wird sich an unserer familiären Situation nicht allzuviel ändern. Außer, dass wir dann räumlich noch weiter von unseren Söhnen getrennt sein werden. Das „Loslassen“ aber haben wir dann schon geübt. Bleibt nur die Hoffnung, sie dann zu gegebener Zeit ohne weitere Probleme nachholen zu können.

Heute bekam ich eine Mail von unserer Einwanderungsberaterin. Sie hat bei der kanadischen Botschaft in Wien um ein Status-Update zu unserer Bewerbung gebeten. Die lakonische Antwort: man habe alle Unterlagen erhalten und wird sich zu gegebener Zeit wieder melden. Wie die Definition von „zu gegebener Zeit“ aussieht, werden wir dann ja irgendwann mal erfahren.

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