In unserer Situation hat man zwei Möglichkeiten.

  1. Man sitzt und wartet sich die Seele aus dem Hals. Wird ungeduldig, unwirsch, schlecht gelaunt und kommt doch nicht weiter.
  2. Oder man rafft sich auf, hofft das Beste und versucht, etwas daraus (oder mit der Situation) zu machen.

Ich bin entschieden ein Fan von „Möglichkeit 2“. Herumzusitzen und leidvoll ergeben zuzuschauen wie nichts passiert liegt mir überhaupt nicht. Ich muss etwas Sinnvolles unternehmen, sonst gehe ich ein. Deshalb hatte ich mir gestern noch einmal überlegt, was ich denn alles brauchen, sollten wir jemals nach Kanada kommen. Der Ordner mit Papieren ist ja mittlerweile ziemlich dick und je länger ich dort reinschaue, desto mehr habe ich das Gefühl, das mir noch etwas fehlt. Fehlt was?

Ja. Ganz klar. Wir haben noch keine Internationalen Führerscheine. Irgendwo habe ich gelesen, dass diese den Start in das automobile Leben in Kanada ungemein erleichtern. Ich glaube auch nicht, dass ein kanadischer Beamter etwas mit meiner Führerschein-Plastikkarte in deutscher Sprache anfangen kann. Also habe ich heute kurzerhand die beste aller Ehefrauen geschnappt und verkündet, dass wir einen Ausflug machen. Für den Ausflug bräuchten wir allerdings auf jeden Fall 2 Passbilder von ihr und mir, unsere Führerscheine und die Pässe. Den kleinen Nesthaken nehmen wir natürlich auch mit.

Hier bekommt man Internationale Führerscheine

Führerscheinstelle

Nachdem der Kurze am Nachmittag seinen obligatorischen 20-Minuten-Mittagsschlaf gehalten hat, geht es bei knapp 35 Grad im Schatten los. Bloß gut, dass es im Auto dank Klimaanlage wesentlich erträglicher ist als draußen. Die angenehme Kühle müssen wir in der Führerscheinstelle leider gegen gründlichen deutschen Beamtenmief eintauschen: wer auch immer das Gebäude der hiesigen KFZ-Zulassungs- und Führerscheinstelle geplant hat, muss in seinem Studiensemester nicht die hellste Kerze auf der Torte gewesen sein. Ein Glaspalast, in den die Sonne unbarmherzig hereinknallt, die Angestellten schweißtriefend vor sich hin vegetieren und wo gefühlt 35 Grad Innentemperatur herrschen. Und natürlich: „Bitte ziehen sie am Automaten im 1 OG eine Nummer“. Wir schleppen uns nach oben (Luft ist oben IMMER wärmer!), ziehen die Nummer und warten dann inmitten von ca. 30 Leuten leise vor uns hintriefend auf den Aufruf.

Natürlich verstehe ich das Nummernsystem und die Logik dahinter heute noch weniger als sonst. Geheimnisvoll blinken alle möglichen Zahlenkombinationen auf der Anzeigetafel auf. Warum es da Nummern gibt, die mit den verschiedensten Buchstaben des Alphabets beginnen, weiß nur der Erfinder des Systems. Alle Mitwartenden leiden gemeinsam still mit uns vor sich hin. Eine Tafel verkündet, dass fast alle Anwesenden in Zimmer 1.29 müssen. Ein Glaskasten, in dem Priscilla und Flash aus „Zoomania“ Dienst zu verrichten scheinen. Wer den Film nicht kennt: zwei Faultiere mit un..end..lich langsamen Bewegungen. So kommen mir die beiden Bediensteten darin auch vor.

Schon nach einer Stunde werden wir aufgerufen. Unser Kleiner hat ein hochrotes Gesicht und brabbelt optimistisch vor sich hin. Es stellt sich heraus, dass ein Internationaler Führerschein nur ausgestellt wird, wenn wir vorher den Papier- in einen Kartenführerschein umgetauscht haben. Ich habe einen, aber Lilly natürlich nicht. (Ich bin aber auch sowas von nachlässig. Hätte ich schon längst mal erledigen sollen…solche Sachen sind mein Job in unserer Familie).

Zum Glück lässt sich alles zusammen erledigen. Ich bekomme meinen Internationalen Führerschein gleich mit (ein paar zusammengetackerte Papierseiten!), Lilly’s Kartenführerschein und dann auch der Internationale Führerschein sind in 14 Tagen fertig. Wir sind allerdings auch schon fertig, als wir aus dem Zimmer wanken. Aber, was soll’s. Wir haben wieder einen offenen Posten auf der ToDo-Liste abgehakt. Der Kleine hat es ohne Schreikrämpfe überstanden. Und zur Belohnung dürfen wir dann ja auch wieder 20 Minuten im gekühlten Auto nach Hause fahren.