Ich mag keinen Herbst

Von |2018-10-23T00:51:22+00:00Oktober 23rd, 2018|05: Antragsbearbeitung CIC|2 Kommentare

Nun ist der schöne Sommer wohl endgültig zu Ende. Gerade noch sind wir im T-Shirt draußen rumspaziert, um uns schon einige Stunden später fröstelnd in die Übergangsjacke zu zwängen. Der Herbst ist nicht mehr aufzuhalten. Mit ihm beginnt für mich eine der trostlosesten Zeiten des Jahres. Allein der Gedanke an das nahende Jahresende jagt mir Schauer über den Rücken. Alles ist so …. im Sterben begriffen. Das Laub riecht modrig. Wenn das fahle Licht einer bleichen Sonne den Nebel nicht mehr zu durchdringen vermag, die Menschen sich wie Schemen im wabernden Grau bewegen, die feuchte Kälte an mir hoch kriecht, dann sehne ich mich ganz weit weg.

Das Jahresende versprüht für mich den morbiden Charme des Vergänglichen. Interessanterweise lassen sich die meisten Menschen davon nicht beeindrucken. Als ob nicht wieder ein Jahr ihres Lebens vorbeigeflogen wäre. Ein Jahr, in dem sie wie immer der Arbeit hinterher gehastet sind, sich mit unwichtigen Nichtigkeiten das Leben schwer gemacht haben und dabei wieder nicht erkannt haben, dass auch ihr Leben nicht unendlich ist. Keiner besinnt sich mehr auf das, was wirklich zählt. Geld, Geld, Geld! Ansehen! Besitz! Sich selbst promoten auf den Plateaus der lustgewordenen Selbstdarstellung.

Die Welt neu entdecken

Dabei sind das so sinnlose Dinge. Was, wenn es morgen vorbei ist? Unser kleiner Sohn lehrt uns, die Welt noch einmal neu zu entdecken. Sie wortwörtlich in Besitz zu nehmen. Plötzlich staunen wir wieder. Die Natur um uns herum – warum nehmen wir das nicht mehr war? Moritzburg CastleUnd das Herz schmilzt, wenn er unvermittelt seine kleine Wange an meine legt und unendlich vertrauensseelig die Nähe genießt.

Ich merke, dass ich mich mittlerweile unendlich weit von meiner Arbeit entfernt habe. Es ist erst ein Monat seit meiner Kündigung vergangen, aber ich vermisse keine Sekunde. Der Herbst mit seinen schwermütigen Tagen lehrt Demut. Und bringt neue, tiefere und zuweilen auch philosophische Gedanken hervor. Zeit zum Nachdenken habe ich momentan ja genug.

Wir haben gestern einen wunderbaren Spaziergang mit der Familie unternommen. Manchmal durchzuckt mich dabei der Gedanke, wie lange wir unsere Schönheiten hier vor Ort eigentlich noch genießen werden können? Wer weiß das schon so genau? Wir haben uns vorgenommen, nicht mehr zu warten. Aber im Hinterkopf spukt natürlich der Gedanke, dass in naher Zukunft eine E-Mail unser gegenwärtiges Leben hier in Deutschland rapide verändern könnte. Dann wird es ganz schnell vorbei sein mit der ganzen Pracht um uns herum.

Mit Menschen reden

Unser Weg führte uns diesmal in die Nähe von Schloss Moritzburg und dann zum Staatlichen Weingut Wackerbarth in Radebeul. Wer noch nicht dort war – hinfahren und ansehen! Wir trafen einen Mann, der den Herbst seines Lebens neben seiner Arbeit in seinem VW-Bus verbrachte. Er sehne sich nach Ruhe und die bekäme er, wenn er miMoritzburger Seent dem alten, ausgebauten Bully in die Natur fährt. Wir unterhielten uns vielleicht eine halbe Stunde sehr angeregt mit ihm. Das war ein magischer Moment – mit einem völlig Unbekannten über den Wert des Lebens an sich zu philosophieren. Wie hat er sich gefreut, dass wir mit ihm geredet haben! Überhaupt stelle ich fest, dass die Menschen unendlich dankbar sind, wenn man sich Zeit nimmt und ihnen zuhört. Dann sprudeln sie plötzlich über und erzählen über die tiefsten Dinge ihres Herzens. Das ist uns in jüngerer Vergangenheit immer wieder passiert.

Die Menschen unserer schnellebigen Zeit werden nicht mehr gesehen, als Menschen wahrgenommen! Sie werden zu Arbeitssklaven degradiert, von denen man fordert „immer wieder die Extrameile zu gehen“, „sich zu zeigen“, (damit Am Fasanenschlößchensie ihre nächste (kümmerliche) Lohnerhöhung verdienen), rund um die Uhr erreichbar zu sein, „ihr Wissen ständig up-to-date zu halten“ oder sonst irgendeinen Schnickschnack mitzumachen, den sich junge, gegeelte und unerfahrene Consultingjünger ausgedacht haben, um das EBIT der Company zu steigern und „die Stakeholder zufrieden zu stellen“. Welch ein Irrsinn! Viele Menschen können nicht mehr mithalten und die Psychologen könnten ihre Arztpraxen im 24/7-Modus betreiben.

Unser Lebenswandel neigt sich langsam aber sicher in Richtung Entschleunigung. Wir möchten das, was uns vom Leben noch bleibt, bewusst genießen und verinnerlichen können. Und das wird uns mit jedem Tag klarer. Wir treffen keine Weingut Wackerbarth RadebeulEntscheidungen mehr, die in ferner Zukunft liegen. Wir ändern unsere Sprache in „wir werden sehen“ statt „ich werde das und das machen“. Und wir versuchen, im Hier und Jetzt zu leben. Damit sind wir voll und ganz ausgelastet. Und was der morgige Tag bringt – wer weiß? Plötzlich ist der Herbst gar nicht mehr so schlimm. Denn ich weiß, dass die Natur nur schläft und ausruht, um uns demnächst wieder mit ihrer ganzen Pracht zu erfreuen.

 

2 Kommentare

  1. Regina 24. Oktober 2018 um 12:14 Uhr - Antworten

    Hallo Joe auch dieser Bericht ist wieder so voller Wahrheit geschrieben und beschreibt auch sehr gut unsere momentane Situation. Ich verfolge trotzdem weiter und bin immer gespannt ob es etwas neues bei euch gibt 😉
    Und was der morgige Tag bringt – wer weiß?
    Wir werden sehen…

    • Joe 24. Oktober 2018 um 22:17 Uhr - Antworten

      Hallo Regina,
      Danke für den Kommentar. Wir sind auch immer neugierig, was uns der nächste Tag so bringt. Auf jeden Fall wird es uns nicht langweilig 🙂
      Viele Grüße,
      Joe

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