Ein Monat ist vorbei, seit wir kanadischen Boden betreten haben. Der Alltag ist mittlerweile (fast) vollständig wieder eingekehrt. Und trotzdem fühlt es sich merkwürdig an – noch immer hat man das Gefühl, in einem Film zu sein. Man macht all diese administrativen Dinge, geht einkaufen, putzt das Haus, kümmert sich um Rechnungen, Kreditkartenanträge und allerlei andere Sachen und dennoch hält man mittendrin manchmal an und denkt sich: „Was mache ich hier eigentlich? Bin ich jetzt wirklich und wahrhaftig für immer hier?“.

In’s Schleudern gekommen

Eines Tages machten wir uns gegen Nachmittag auf den Weg, um die Gegend mit dem Auto zu besichtigen. Am Tag vorher hatte uns ein Blizzard heimgesucht. Das Tückische daran sind nicht die Schneemassen, die er durchaus bringen kann, sondern die extremen Verwehungen. Wir, als nichtsahnende Stadtmenschen, fahren also los. In der Stadt sieht ja soweit alles ok aus. Die Fahrt soll uns erst nach Westen, dann nach Norden, dann nach Osten und wieder zurück nach Winkler bringen. Vielleicht so 150 km, denke ich.

Wir sind erst 15 km gefahren, als wir auf dem jetzt völlig mit Schneemehl bedeckten Highway in’s Schleudern geraten. Aber so richtig. Bei Tempo 80 zieht der große, schwere, allradgetriebene Wagen urplötzlich nach links. Immer weiter und näher Richtung Graben. Ich steuere gegen, gebe Gas, um uns aus der mißlichen Lage zu befreien. Plötzlich greifen die rechten Räder wieder und der Wagen macht einen gehörigen Schlenker auf die rechte Fahrbahn (zweispurig, ich war links). Gut, dass da kein Auto neben uns war. Der Rest der Fahrt verlief glimpflich. Aber wir fahren an mindestens 5 Autos vorbei, die gerade „in the ditch“, also im Graben gelandet waren. Da kommt man aus eigener Kraft nicht mehr raus. Später erfahren wir, dass es nach einem Blizzard grob fahrlässig ist, sich aus der Stadt herauszuwagen. In der Tat sah man durch die Verwehungen manchmal die Hand nicht mehr vor Augen, alles war weiß.

Ab auf’s Eis

Wir haben in den letzten Wochen viel erkundet. Um dann festzustellen, dass die Möglichkeiten zur Erkundung endlich sind. Bis letzte Woche hatten wir noch schneidende Kälte, die einen längeren Aufenthalt draußen fast unmöglich machte. Wir waren einige Male Schlittschuh laufen auf einem großen, zugefrorenen See etwa 15 km entfernt. Die liebste Tochter hatte sich ein paar Schlittschuhe gewünscht. Aber so allein da draußen bei dem eisigen Wind die Runden zu drehen, während wir versuchen, das schreiende kleine Menschenbündel bei Laune zu halten – Spaß sieht irgendwie anders aus. Der kleine Kerl liebt es nicht, warm eingepackt zu sein. So kommt es schon mal vor, dass er sich in einem unbemerkten Augenblick seiner Stiefel und Handschuhe entledigt. Dieses Spiel macht er drei – vier Mal und dann sind seine Hände und auch Füße so kalt, dass er erst recht keine Lust mehr hat draußen zu sein.

Aber es ist interessant zu sehen, dass die Eisfischer sich kleine Hütten auf das Eis gebaut haben, wo sie – mit Ofen und Sofa ausgestattet – gebannt vor dem gebohrten Eisloch sitzen und sich wahrscheinlich die Zeit mit angenehm temperierten oder promillehaltigen Getränken vertreiben. Ich glaube kaum, dass Fische anbeißen. Die sind bei minus 30 Grad und einer meterdicken Eisdecke doch wohl erfroren. Spannend ist, dass sie mit ihren tonnenschweren Trucks auf das Eis fahren. Da knackt nichts.

Buch macht kluch

Eine kleine kostbare Entdeckung ist unsere städtische Bibliothek. Es war unterdessen etwas wärmer geworden (+4 Grad) und wir statteten einem Park einen Besuch ab. Der „Bethel Heritage Park“ ist nicht besonders groß und an allen Ecken finden sich Gedenksteine und Erinnerungstafeln zur Geschichte der Stadt. Wie der Name eben sagt. Das Interessanteste für uns daran ist, dass viele bekannte mennonitische Familiennamen auf den Tafeln zu finden sind: Penner, Wiebe, Funk, Unrau, Friesen, Berg, Dyck, Kroeker – viele dieser Namen haben wir auch in unserer Verwandschaft und geben einem das Gefühl, nicht ganz so weit abgeschieden zu sein.

Schon auf dem Weg zurück in Richtung Auto, entdeckten wir dieses modernere Gebäude und beschlossen, mal einen Blick hinein zu wagen. Aus dem Blick wurde ein 2-stündiger Aufenthalt und eine Mitgliedschaft in der Bibliothek. Im Übrigen kostenlos. Da das Gebäude groß, warm und gemütlich ist, fahren wir nun öfter hierher, wenn es draußen zu kalt ist. Dann rennt der Kleine durch die Buchreihen, juchzt laut und die Bibliothek ist wahrscheinlich nur noch groß und warm. Für die anderen. Für uns ist es auch dann immer noch gemütlich. Und nun liegen auch einige englischsprachige Bücher auf meinem Tisch, unter anderem zu rechtlichen Fragen der Selbständigkeit sowie ein Kurs, der mir verspricht, nach erfolgreichem Absolvieren „Perfectly in English -learn to speak with an authentic American accent“ zu sein.

Jurassic Park is here

Und dann ist da noch ein kleines, aber feines Stück Erdgeschichte, welches wir in unserer Nachbarstadt Morden erkunden konnten. In Ermangelung besserer Ideen suchten wir im Internet nach „Museum“ in unserer Gegend. Prompt wurden wir auf die Seite des „Canadian Fossil Discovery Centre“ geführt. In unserer Gegend sollten angeblich sehr viele Skelette von Dinosauriern gefunden worden sein, die dort ausgestellt sind. Na, das klang doch gut.

Morden ist eine noch kleinere Stadt als Winkler. Berühmt ist sie eben für das Discovery Center (ok, in Europa kennt man sie nicht, aber für Dinoforscher ist sie bekannt) und für den signifikanten Hügel, der die Straße hinter der Stadtgrenze auf eine Höhe von 10 m über Prairie anhebt. Das Fossil Discovery Centre ist standesgemäß und seiner Berühmtheit beinahe ebenbürtig in einem Basement untergebracht. Getünchte Wände und vergilbte Poster an den Wänden strahlen einen etwas verblichenen Charme aus. Aber die Exponate sind wirklich sehenswert. Highlights der Sammlung sind mit „Bruce“ und „Suzy“ zwei nahezu vollständig erhaltene, riesig große (13 m und 9 m ) Skelette von Mosasauriern. Mosasaurier sind Meeresbewohner. In einer „Cretaceous Period“ genannten Zeit, vor etwa 80 Mio. Jahren, war Manitoba Teil eines riesigen Ozeans („Western Interior Seaway“) und damals war es hier richtig warm. (Mit Palmen und so. Und sogar einen Ort „Miami“ haben wir hier um die Ecke, da muss es doch warm gewesen sein 🙂 )

Seit vielen Jahren werden im Pembina Valley und ganz Manitoba immer wieder Skelette von den Meersbewohnern gefunden, daher ist das Museum auch die größte Sammlung von fossilen Meeresreptilien in Canada. Bruce hält mit seiner Größe den Guiness World Record für den größten öffentlich ausgestellten Mosasaurier der Welt. Das hat uns, neben den Skeletten eines Raptors und dem Schädel eines Tyrannosauriers, wirklich beeindruckt.

Fazit: ein Monat ist vorbei und wir bereuen unsere Entscheidung zur Auswanderung nicht. Es gibt Tage, da denken wir, dass es eintöniger als hier nicht geht. Und dann wieder gibt es Tage, da kommen wir vor lauter Eindrücken nicht hinterher. Das hinterlässt ein etwas ambivalentes Gefühl in uns. Vielleicht doch ein Zeichen, dass es mehr braucht als einen Monat, um in einer fremden Welt richtig anzukommen? Egal wie. Spannend ist unser Leben auf jeden Fall.