Die Palmen sind tot

Von |2018-08-04T14:13:53+00:00Juli 30th, 2018|05: Antragsbearbeitung CIC|0 Kommentare

Nicht, dass es irgendeine wichtige Rolle spielen würde. Aber die Palmen sind tot. Was haben Palmen mit unserer Auswanderung zu tun? Auf den ersten Blick nichts. Palmen sind Pflanzen und können nicht auswandern. Ich könnte sie wahrscheinlich nicht einmal mitnehmen, wenn ich an die Einfuhrregeln von Kanada denke. Denn sie sind in fremder Erde groß geworden und haben daher in Kanada nichts verloren. Könnten ja kontaminiert sein.

Aber sie sind sowieso tot. Einfach so langsam vor sich hingestorben. Mein Herz hing dran. Denn ich habe sie fein säuberlich und eigenhändig hochgepäppelt. Eine stammte von einem großen Discounter. Sie stand im Zimmer meines Sohnes und wuchs. Kräftig und groß. Bis sie zu groß und dazu auserkoren wurde, als Vorzeigepalme auf der Terrasse ihr neues Domizil zu finden. Zwei andere haben mallorquinische Vorfahren. Die landeten als Samen, welche ich unter Lebensgefahr (na ja, nicht ganz 🙂 ) von zwei wunderschönen Strandexemplaren gepflückt hatte, in meinen Reisemitbringseln. Eingetopft, gegossen, gewachsen. Im Topf und in meinem Herzen. Und noch eine andere gab mir ein lieber Nachbar. Der konnte sie nicht mehr leiden, weil sie so blaß und kränklich war. Auch die landete auf der Terrasse, hatte mächtig mit dem ostdeutschen Klima zu kämpfen und ich hatte alle Hände voll zu tun, damit sie nicht braun wurde. (Coole Metapher 😉 )

Hatte ich schon erwähnt, dass ich Palmen liebe? Am Ende hatte ich fünf wunderschöne und prächtige Exemplare auf der Terrasse stehen. Im Sommer vom warmen Wind umschmeichelt, der sie vielleicht ein bisschen an die Heimat erinnerte. Im Winter schön eingepackt in der kalten und dunklen Garage, wo sie Palmenes zwar nicht schön hatten, aber immerhin überlebten. Ein Palmenhaus wollte ich nun doch nicht anbauen. So hatten wir jahrelang Freude aneinander. Ich – weil sich mein Auge an der mediterranen Pracht erfreuen konnte und sie der Terrasse eine würdige Umrahmung bildeten. Sie – weil sie leben und gedeihen durften. Bilde ich mir zumindest ein.

Bis eines grausamen Frühlingstages – ich hatte sie ob der ersten schönen Tage schon auf die Terrasse bugsiert – ein Frost in Blätter und Stämme fuhr. Natürlich stirbt eine Palme nicht von einer Sekunde auf die andere. Aber nach einiger Zeit wurden die Wedel welk. Einer nach dem anderen. Verzweifelte Gießversuche brachten natürlich nichts mehr. Wenn der Kern kaputt ist, geht auch an der Peripherie nichts mehr.

So, wie die Palmen gestorben sind, stirbt momentan jeden Tag ein Stück unseres alten Lebens hier. Sie sind ein Sinnbild dafür das loszulassen, was einem lieb und teuer geworden ist. Da ist die Arbeit. Wie gern bin ich jeden Tag zur Arbeit gefahren. Durch meine monatelange Elternzeit haben sich die Prioritäten aber einfach und für mich sogar ganz heftig, verschoben. Und an der Arbeit kennen sie dich plötzlich nicht mehr. Dein Vertreter schafft es, innerhalb von 6 Monaten Deine Abteilung ohne jegliche Rücksprache vor die Wand zu fahren. Gute Mitarbeiter haben gekündigt. Was hätte ich mich früher aufgeregt. Jetzt muss es so sein. Damit ich die Arbeit loslassen kann.

Oder die Schule. Die liebste Tochter von allen will nur noch eins – dem Druck ostdeutscher DDR-Gründlichkeit entfliehen. Da heisst es noch: „Antreten! Riege marsch, marsch!“ Jede Woche zwei Klassenarbeiten und Unmengen unangekündigte Tests. Nicht,dass ich was gegen Lernen hätte, im Gegenteil. Aber ich habe was gegen Bulimie-Lernen. Heute oben eingetrichtert, nächste Woche in einem Test oder Klassenarbeit rausgebrochen. Kein Lernen für die Ewigkeit.

Oder die, wie ich sie nenne, Buzzies. Kennt Ihr das? Ein Online-Leben mit gequirlten Buzzwords (vorzugsweise auf LinkedIn oder XING). Der verzweifelte Versuch, HIP zu sein und wahrgenommen zu werden.

„Management heisst, Ziele zu erreichen. Führung heißt, Ziele zu setzen.“
„Können Sie Disruption in Eigenregie bewerkstelligen?“
„Digitalisieren Sie noch oder automatisieren Sie schon?“

Das ist alles SO NICHTIG. Auch hiervon heisst es Abschied nehmen. Was mir nicht schwer fällt, das muss ich zugeben. Es interessiert mich schlicht nicht mehr. Sollen Sie digitalisieren und automatisieren, disruptiv und agil die Zukunft empowern, sollen sie mit ihrem Blödsprech die Welt verseuchen. So wie meine Palmen sich langsam verabschiedet haben, tue ich das auch. Mein altes Leben bleibt zurück.

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