Das Job-Dilemma

Viele Anfragen erreichen mich in der letzten Zeit, wovon wir eigentlich im Moment unseren Lebensunterhalt bestreiten? Ob ich schon einen Job hätte? Und wie es denn eigentlich läuft, mit der Suche nach einem Job?

Die erste Frage ist einfach beantwortet: in Erwartung einer längeren Zeit ohne eigenes Einkommen, haben wir bereits in Deutschland zur Seite gelegt. Das macht sich jetzt im wahrsten Sinne des Wortes bezahlt. Das Geld wächst hier nicht auf den Bäumen. Im Gegenteil. So schnell, wie es durch die Finger rinnt, kann man gar nicht schauen. Auch in Kanada ist das Leben nicht billig.

Hast Du schon einen Job?

Auf diese Frage gibt es ebenfalls eine klare Antwort: Nein!

Nicht, dass ich keinen Job antreten will. Aber ich habe bisher noch keinen gefunden. Das ist zum Glück nicht existentiell, deshalb kann ich diese Zeilen ziemlich ruhig schreiben. Ich habe seit Monaten eine größere Anzahl von Bewerbungen laufen. Und ich hatte eine sehr aussichtsreiche Bewerbung auf die Position eines „Director IT“ in einer Möbelfirma in unserer Nachbarstadt. Trotz positivem Jobinterview und einer privaten Werksführung 2 Wochen später, kam am Ende nach 4 Wochen eine Absage. Über die Gründe kann ich nur spekulieren, erfahren werde ich sie nicht.

Interessant ist die Absage deshalb, weil ich mich auf diese Stelle gar nicht aktiv beworben habe, sondern ich erhielt die Einladung zum Jobinterview, weil die HR-Dame der Firma bei unserer Einwanderungsberaterin nachfragte, ob sie denn nicht jemanden für diese Position empfehlen könne. Sie konnte.

So fand ich eines Morgens eine Anfrage der Firma in meinen E-mails. Ob ich mir vorstellen könne, mit ihnen ein Jobinterview zu führen? Meinen Lebenslauf hätten sie bereits und fänden ihn äußerst interessant. Wie gesagt, das Jobinterview war gut. Ich rechnete mit einer Zusage. Dass es am Ende doch nicht geklappt hat, schmerzt ein bisschen. Das Ego – dieser Lümmel – ist irgendwie angekratzt. Man könnte trotzig sagen: „Nun, dann haben sie mich nicht verdient, so ’ne kleine Bude“. Aber das bringt nichts. Bleibt also nur, sich in Demut zu üben und auf die nächste Chance hinzuarbeiten.

Wie läuft es mit Bewerbungen?

Das führt mich zur nächsten Frage, wie es denn mit den Bewerbungen um Jobs hier in Kanada überhaupt läuft?

Das Wichtigste: der in langen Kämpfen ergraute deutsche (schweizer, österreichische…) Arbeitnehmer zählt hier zuerst einmal – nichts. Ich habe es bisher nicht geschafft, diese Spezialität des kanadischen Arbeitsmarktes zu verstehen. Werden im Rahmen der Auswanderungsbewerbung alle Qualifikationen auf Herz und Nieren geprüft (je qualifizierter, desto besser!), so verschwindet dieses Kriterium wie von Geisterhand, wenn man sich hier auf einen Job bewirbt. Da zählt dann auf einmal die kanadische Arbeitserfahrung doppelt und dreifach. Ausländische Qualifikationen dagegen gar nicht. Ein gestandener Chefarzt der Charité in Berlin macht hier locker noch einmal alle Abschlüsse als MD (medical doctor) nach. Eine Krankenschwester drückt noch mal die Schulbank und sogar deutsche Elektrikermeister müssen hier noch einmal eine Prüfung ablegen, damit sie auf die kanadische Urbevölkerung losgelassen werden dürfen. Regulated job nennt man das.

Ohne die kanadische Arbeitserfahrung – kein Job. Ohne Job – keine kanadische Arbeitserfahrung. Es wird geraten, viel Volunteering zu machen. Würde ich auch, aber wo hier in der Prairie? Auf einer Farm? Zudem wird vom Volunteering auch wieder abgeraten. Macht sich schlecht, wenn man im Lebenslauf so einen Knick aufzuweisen hat. („Der hat sich aber unter Wert verkauft…“)

Es ist also ein bisschen verhext. Wie gesagt, noch ist es nicht existenzbedrohend. Aber irgendwann werde ich wieder arbeiten müssen und auch wollen. Da in Manitoba Stellen im IT-Bereich Mangelware sind bzw. die Firmen, auf deren offene Positionen ich mich beworben habe, mit einer Reaktionsquote gleich null glänzen, werde ich mich wohl oder übel in eine andere Provinz orientieren müssen. Hierfür kommen eigentlich nur Ontario oder BC in Frage, da es dort eine entsprechende Industrie und auch eine Vielzahl offener Stellenangebote gibt. Wir tendieren dabei nach BC.

Unsere Auswanderung wird also wohl – so Gott will und wir leben – in absehbarer Zeit eine weitere Wendung erfahren. Dabei fühlt sich ein Umzug von einer Provinz in eine andere deutlich schwieriger an, als der Umzug von Deutschland nach Kanada. Schuld daran sind die überbordenden bürokratischen Regelungen.

Beispiel 1: wir haben hier in Manitoba eine Krankenversicherung. Ziehen wir nach BC um, müssen wir erst eine dreimonatige Wartezeit absolvieren, bevor wir in den Genuss der dortigen Krankenversicherung kommen. Wie wir uns in der Zwischenzeit versichern muss ich erst noch herausbekommen.

Beispiel 2: Führerschein-Umtausch. Als wir hier ankamen, haben wir unsere deutsche Fahrerlaubnis in einen Führerschein der Provinz Manitoba umgetauscht. Dabei wurde der deutsche Führerschein eingezogen.

In BC müssten wir nun unsere Manitoba Driver’s License in einen Führerschein von BC umtauschen. Das geht aber nur, wenn wir nachweisen, dass wir mehr als 2 Jahre Fahrerfahrung haben. Kann man diese Fahrerfahrung nicht nachweisen, bekommt man automatisch eine eingeschränkte Fahrerlaubnis in einem Beginner-Status. Dann darf man z.B. nicht nachts fahren.

Wie weisen wir unsere mehr als 30-jährige Fahrpraxis nun nach? Am besten durch eine entsprechende Driver’s license. Die haben wir aber nicht mehr, da wir sie beim Umtauschen ja abgeben mussten. Und unsere neue Fahrerlaubnis aus Manitoba ist erst 3 Monate alt. Droht uns nun also der Beginner-Status?

Ihr seht also, langweilig wird uns nicht.

9 Comments

  • Sabine vom Doep

    Eine Anmerkung zu deinem Führerschein in BC, du kannst einen Record von Deutschland anfordern und somit deine Fahrpraxis nachweisen, das wird anerkannt

    Reply
  • Luisa

    Moin Joe,
    Falls euch der Hohe Norden nicht abschreckt: Im Yukon werden Fachkräfte wirklich gesucht. Allerdings ist Wohnraum auch rar und teuer. Aber wenn du mal nach Jobs schauen willst:
    https://www.yuwin.ca/
    Cheers und alles Gute,
    Luisa

    Reply
    • Joe Post author

      Hi Luisa,
      Danke, da werde ich mal schauen. Obwohl, Hoher Norden? Wenig Menschen? Weiß nicht, ob meine Familie das mitmacht. Und ich weiß zusätzlich nicht, ob mein Job als Manager unter den Begriff „Fachkräfte“ fällt… 😉
      Viele Grüße, Joe

      Reply
      • Luisa

        Jep. Wenig Menschen (ausser im Sommer im Outdoor-Laden), viele Wildtiere, kalte Winter, kurze Sommer. Wenig Zerstreuung, es sei denn man steht auf volle Droehnung Natur pur und Bushwhacking. Wenn du direkt als Manager anfangen willst, ist der Yukon eher nicht geeignet. Hier faengt man erst weiter unten an und arbeitet sich dann hoch. Bis die Leute sehen, was man kann und eine Stelle frei wird. Aber da weiss ich gar nicht, ob das in anderen Teilen Kanadas anders ist.
        Wie auch immer, ihr macht das schon!
        Viele Gruesse,
        Luisa

        Reply
        • Joe Post author

          Kalte Winter, kurze Sommer und vor allem wenig Zerstreuung – damit überzeuge ich die Family mit Sicherheit nicht.
          Ich weiß, dass man nicht direkt als Manager anfängt, das ist in Kanada überall so. Allerdings ist es in meinem Bereich schwierig, weiter unten anzufangen – dafür war ich zu lange nicht mehr vor der Konsole und die technische Entwicklung hört ja nicht auf. Mal sehen, was uns so vor die Füße fällt. Da ich unverbesserlicher Optimist bin, wird sich schon was finden. 🙂
          Viele Grüße, Joe

          Reply
  • Pingback: Umzug nach B.C. -Teil 1 – Auswandern nach Kanada

  • SonjaM

    Falls Du Dich für eine Position unter Deinem „Niveau“ qualifizieren kannst, fällst Du oft schneller wieder die Treppe hinauf, als Du denkt. Wir hatten uns seinerzeit auf Einsteiger-Jobs beworben und innerhalb von zwei Jahren Positionen erreicht, für die wir in DE über zehn Jahre gebraucht hatten. Viel Glück in BC. Wenn sonst nichts klappt… wenigstens sind Natur, Landschaft und Wetter spektakulär 😉

    Reply
    • Joe Post author

      Hi Sonja,
      Dann bin ich ja mal gespannt. Wahrscheinlich ist es wichtig, überhaupt erst mal einen adäquaten Job zu bekommen. Die Chancen stehen dafür in B.C. jedenfalls wesentlich besser als hier. Ich werde berichten.

      VG, Joe

      Reply

Leave a Comment

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.