Auf frischer Tat…

Eine Begebenheit trug sich vor ein paar Tagen zu, von der ich hoffte, dass sie niemals Wirklichkeit werden würde. Aber ich wurde auf frischer Tat ertappt. Wir waren auf dem Weg von Winnipeg nach Hause. Der Tag war mit einem Arzttermin am Spätnachmittag und einem etwas längeren Aufenthalt in der Shopping Mall „Kildonan Place“ schon ziemlich anstrengend gewesen. Der Kleine hatte die Hinfahrt problemlos mitgemacht, aber nun, auf dem Heimweg, war ihm alles zu viel.

Es war seine Schlafenszeit, aber er wollte nicht im Auto einschlafen. Das Fahren war ihm langweilig. Platz war auch nicht genug. Für ein Kind wahrscheinlich alles mehr als blöd. Also wirft er zuerst die Quengelmaschine an. Frau und Tochter leisten Schwerstarbeit auf der Rückbank, um das Bündel ruhig zu halten. Ich fahre mehr oder weniger entspannt. Wir schaffen es bis Carman, 34 km vor unserem Wohnort. Dort schlägt die Quengelei in Gebrüll um. Es stresst ein wenig.

Die Straße ist leer und es sind nur einige LKW unterwegs. Ich beschließe, den Nachhauseweg durch eine etwas überhöhte Geschwindigkeit zu verkürzen und fixiere den Tempomat auf 120 km/h. Wird schon gut gehen. Tut es aber nicht. 12 km vor zu Hause kommt mir ein Fahrzeug entgegen, ein unscheinbarer Ford Explorer. Er hat mich noch nicht ganz erreicht, da gehen auf dem Dach die Rundumleuchten in blau und rot an. Im Rückspiegel sehe ich, wie er in grazilem Bogen hinter mir wendet. Das Adrenalin pumpt in meine Adern.

Auf dem Rücksitz bricht Panik aus. Schnell wird das Kind, welches in der Hoffnung zur Beruhigung auf dem Schoß saß, in den Kindersitz zurückgestopft und verzurrt. Natürlich klemmt bei so etwas erst mal der Gurt. Das Blinken hinter mir kommt näher, nunmehr unterstützt durch auf- und ab flackernde Autoscheinwerfer. Das volle Programm.

Ich verlangsame und halte auf dem Seitenstreifen. Lasse beide Scheiben herunter, Hände auf dem Lenkrad. Von links nähert sich ein junger Polizist, freundlich lächelnd, aber mit etwas schneidender Stimme: „You were running too fast, we got you at 120 km/h.“ Ich, schuldbewusste Miene: „Ja, sorry….Sie haben Recht, ich war zu schnell. Das Baby hinten brüllt und ich wollte nur noch nach Hause.“ Er kassiert meinen Führerschein und die Zulassung, während sein Partner mit grimmigen Gesicht zur Beifahrertür hereinschaut. Beide verschwinden wieder in ihrem Auto, checken wohl, dass der Wagen nicht gestohlen ist und meine Identität stimmt. Die beste Ehefrau fragt, was nun passieren wird? Meine Antwort: „Wir werden zahlen und zwar nicht zu knapp.“ Bei Speeding kennt man in Kanada kein Pardon.

Nach gefühlt endlosen 5 Minuten kommt der freundliche junge Polizist wieder an mein Fenster. „Ich verwarne Sie hiermit wegen Speeding. Es kostet normalerweise $340 Dollar.“ Ich bin zu aufgeregt und überhöre das „normalerweise“. Frage, wie ich die Strafe am besten begleiche. Er grinst mich an und sagt: „Sie müssen nichts bezahlen, es ist nur eine Verwarnung. Aber wenn ich Sie das nächste Mal erwische, werden Sie bezahlen. Ich verstehe, dass Sie eine harten, arbeitsreichen Tag hatten und gestresst sind.“

Police Car
…erwischt. (Symbolfoto)

Und mit einem lächelnden Blick nach hinten wechselt er in einen vertraulichen Tonfall: „Los, bring ihn nach Hause, aber bleib bei 100 km/h.“ Pfff…….da haben wir aber noch mal gehöriges Glück gehabt.

Und wenn man sich fragt, wie wir überhaupt erwischt werden konnten: Die Highway Patrol in Canada misst die Geschwindigkeiten aus dem fahrenden Fahrzeug heraus. Dazu haben sie einen Laser, der die Geschwindigkeit des Polizeiautos misst und mit einer zweiten Messung die Geschwindigkeit anderer fahrender Fahrzeuge ermittelt. Und zwar in beiden Richtungen. Das wusste ich bisher noch nicht. Aber angesichts dieser Tatsache und weil die Polizeiautos auf Grund der unscheinbaren Erscheinung nicht als solche erkennbar sind, wird der Tempomat künftig immer schön in Höhe der erlaubten Geschwindigkeit justiert. So eine Begegnung brauche ich nicht noch einmal.

4 Comments

  • Sabine vom Dorp

    Ja speeding ist hier wirklich teuer, da kann man über die Gebühren in Deutschland nur lächeln. Mein Mann arbeitet zu Zeit in Winnipeg und hat an zwei aufeinanderfolgenden folgenden Tagen das Limit von 50 km/h mit 62 überschritten und einmal die 60km/h mit 72, das waren dann zweimal Gebühren von $220.00 die uns ein paar Wochen später ins Haus geflattert sind, das tat richtig weh. Normalerweise fährt er eigentlich mehr wie eine Schnecke, wahrscheinlich haben auch Schnecken mal einen Speedday!
    Grüsse Sabine

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    • Joe Post author

      Hallo Sabine,
      Danke für Deinen Kommentar.
      Ich bin vor zwei Jahren mal in Winnipeg in einer 50 Zone mit 58 km/h gelasert worden. Habe das gar nicht bemerkt und meine Autovermietung ungläubig angerufen, weil ich das Auto doch schon bezahlt hatte? War aber ein Ticket über $220…

      Hier gibt es glaube auch keine große Toleranz. Fährst Du 53 statt erlaubter 50 bist Du wegen speeding dran. Also bleiben wir mal schön defensiv, das Geld kann man woanders besser einsetzen.
      VG, Joe

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  • SonjaM

    Ach ja, die freundlichen „Bullen“, kann diese Erfahrung nur bestätigen. Ich bin seinerzeit auch mit einer Verwarnung davon gekommen (hatte auch einen schreienden 3-Jährigen an Bord. Schön, dass es so glimpflich ausgegangen ist.

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    • Joe Post author

      Ja, Glück gehabt. Ich glaube, der Kleine war auch der ausschlaggebende Punkt. Ohne ihn hätte ich wahrscheinlich bezahlt….

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