Nun ist seit unserer Einreise nach Kanada schon fast wieder eine Woche rum und es wird Zeit für ein Update. „Andere Länder, andere Sitten“ – so ist der Beitrag überschrieben und genau das haben wir in dieser einen Woche hier auch schon kennengelernt.

Was sind die Sitten, die hier so anders sind?

1.) Alles ist (manchmal unglaublich) viel langsamer als in Deutschland. Die Leute haben für uns gefühlt die Ruhe weg. Sei es im Supermarkt an der Kasse, sei es auf den Ämtern, die wir diese Woche besuchten, das Autofahren, Bedienung im Restaurant – alles geht überaus gemächlich zu.

2.) Bürokratie ist hier gelebter Alltag. Es gibt Vorschriften und an die hält man sich. Ohne Wenn und Aber. Keine Flexibilität, weder im Prozess, noch bei den Ausführenden. Unten dazu mehr.

3.) Alles ist sehr freundlich. Besonders unser Kleiner hat es den Leuten angetan. Jeder grinst ihn an, oft kommt ein „Hi, Buddy“ oder „You’re soooo cute“ und man merkt, dass Kinder hier nicht als geduldetes Elend angesehen werden. Die Freundlichkeit kann manchmal aber nicht über eine gewisse Inflexibilität der handelnden Personen hinwegtäuschen. 

4.) Inflexibilität. Was der Kanadier nicht kennt, kennt er einfach nicht. Womit er noch nie zu tun hatte, wird ihn auch künftig nicht dazu anregen, sich damit zu befassen. Und sei es nur, um einfach dazu zu lernen oder seinen Horizont zu erweitern. (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Erfahrungen mit anderen Sitten

Ich schildere einige Episoden, die sich auf den Ämtern bzw. Büros zugetragen haben.
Am vergangenen Montag begannen wir damit, unsere Liste der offiziellen Erledigungen abzuarbeiten. Dazu gehörten die Beantragung der SIN (Social Insurance Number), damit wir arbeiten können. Dann die Beantragung der Health Card für die Gesundheitsversorgung und nicht zuletzt der Umtausch der Führerscheine.

Am reibungslosesten ging die Beantragung der SIN vor sich. Ab in das nächste Service Canada Center, etwas Wartezeit und dann bekamen wir 4 einfache Ausdrucke mit jeweils der SIN für uns darauf. Während unserer Wartezeit las ich eine Information über Canada Child Benefit (Kindergeld in Canada) und sprach dann bei der Ausstellung der SIN die Kollegin darauf an. Antwort: „Oh, da kann ich Ihnen gar nichts dazu sagen. Da fragen Sie am besten bei Tax und Revenue an.“

Am nächsten Tag wollten wir die Führerscheine tauschen. In Manitoba geht man dafür zu einer „AutoPac“ genannten Stelle, die vertreten die Manitoba Public Insurance (MPI), bei der die Drivers License Sachen angehangen sind. Wir fuhren zuerst aber mangels besseren Wissens über 12 km direkt zur MPI. Dort eröffnete man uns, dass man für die Beantragung einer Drivers License zwei unabhängige Dokumente benötigt, die die Wohn-Adresse belegen. Das können zum Beispiel ein Mietvertrag, eine Wasser-/Strom-/Telefonrechnung mit der entsprechenden Adresse oder auch die Health Card sein. Gut, Mietvertrag hatte ich, die anderen Sachen nicht.

Also raus aus der Behörde und auf dem Weg nach Downtown zu Manitoba Health. Am Eingang empfängt uns ein Mitarbeiter, fragt nach unserem Begehr und zieht dann aus einem Kästchen eine Wartemarke. Das ist sein Job: die Leute fragen was sie wollen, ihnen eine Marke geben und sagen, dass man warten soll, bis man aufgerufen wird. Merkwürdige Sitten. 🙂 In Deutschland gibt es dafür Automaten. Aber nun gut.

Wir warten nicht lange, bis uns ein junges Bürschchen aufruft. Ich gehe zum Schalter und trage meinen Wunsch nach Ausstellung einer Health Card für uns vor. „Ja, kein Problem. Dafür benötige ich Ihre landing documents und einen Nachweis, dass Sie in Manitoba eingereist sind.“ – ?!“§$??? – Ich bin doch hier, also eingereist? Ausserdem steht auf unseren landings documents: Einreiseort Winnipeg International Airport, Einreise am 23.02.? – „Nun, das können wir nicht anerkennen. Das Dokument könnte ja jeder ausgestellt haben. Wir benötigen einen Boardingpass, ein Zugticket, einen Reiseplan, kurz, irgendetwas, dass zweifelsfrei belegt, dass Sie eingereist sind. Kommen Sie wieder, wenn Sie das haben.“ – Spricht es, gibt mir meine Papiere zurück und ruft den Nächsten auf. Merkwürdige Sitten hier.

Und es geht noch weiter

In meiner Not rufe ich die Fluggesellschaft an und bitte darum, dass man uns unsere Reservierungsbestätigung samt Buchungsnummer noch mal per email zuschickt. „Kein Problem“, sagt die Dame, „schicke ich gleich los“. Ich warte bis heute auf die Mail.

Ich gehe in das nächstgelegene Service Canada Center, setze mich an einen der dort verfügbaren öffentlichen Computer und gehe auf die Webseite der Airline. Zum Glück ist die Buchungsnummer auf meinem Mobiltelefon gespeichert. Ich rufe meine Reservierung auf, dort steht, dass sie nicht mehr geändert werden kann, weil der Flug bereits durchgeführt wurde, drucke sie aus und zurück zu dem Bürschchen zu Manitoba Health. Wieder bekommen wir eine Marke, aber da jetzt 8 Nummern vor uns sind und außerdem Mittagszeit, warten wir eine gehörige Zeit.

Als ich drankomme, überreiche ich dem Bürschchen stolz meine Reservierung und sage, dass ich hoffe, dass dies nun als Nachweis reicht, dass wir in Manitoba sind. „Nein“….auch das könne er leider nicht anerkennen. Ich merke, wie ich innerlich mein begrenztes englisches Schimpfwortvokabular zusammensuche. Irgendwas in meinem Blick muss ihn verunsichert haben, denn er steht auf und sagt, dass er seinen Supervisor fragen muss.

Der Supervisor scheint etwas heller zu sein und erkennt die Dokumente an. Nach zwei Minuten haben wir zwei Exemplare einer Health Card in den Händen, obendrauf mein Name und darunter die meiner mitgereisten Familienmitglieder. Es ist nicht etwa so, dass hier jeder eine Gesundheitskarte wie in Deutschland bekäme…. Merkwürdige Sitten.

Wir lernen Priscilla kennen

Wer hat den Film „Zoomania“ gesehen? Da gibt es ein Beamten-Faultier namens Priscilla. Wer es nicht kennt, schaut es sich hier an. Das trifft noch mehr auf kanadische als auf deutsche Büroleute zu (ok, auf einige zumindest, wir wollen ja nicht ungerecht sein).

Eine männliche Priscilla lernen wir beim Umtausch der Führerscheine kennen. Wir sind dem Rat gefolgt und haben den nächstgelegenen AutoPac-Agenten aufgesucht. Der ist mit unserem Wunsch nach Umtausch der Führerscheine heillos überfordert. Nicht nur, dass er das noch nie gemacht hat: er kann nur meinen Führerschein umtauschen, weil die beiden Nachweise der Adresse (in diesem Fall Health Card und Mietvertrag unseres Hauses) nur auf meinen Namen ausgestellt sind. Bei der Health Card steht meine Frau drauf, nicht aber auf dem Mietvertrag. Somit hätte ich keinen Nachweis, dass sie mit in dem Haus wohnen würde. Wir glauben es kaum. „Sie schläft wahrscheinlich dann unter der Brücke“, bemerke ich frotzelnd. Er würde mir ja glauben, beteuert er fast weinerlich, aber die Dokumente würden eben nicht ausreichen.

So tausche nur ich meinen Führerschein um. Da er keine Ahnung hat wie das geht, ruft er jemanden an, der ihn quälend langsam durch jedes einzelne Menü im Computer führt. Der Kleine vollführt mittlerweile indianische Heulgesänge im Büro, weil selbst ihm schon tierisch langweilig ist. Ich muss meine Plastikkarte gegen einen sehr dünn wirkenden Papierzettel als Temporary Drivers License abgeben und habe ein komisches Gefühl dabei. Die Plastikkarte würde mir dann in 2-3 Wochen zugeschickt. Es könne aber auch länger dauern, setzt er vorsorglich hinzu, dann sollte ich anrufen und nachfragen.

Fazit der ersten Woche: alles kommt anders, als man denkt. Da wir aber damit gerechnet haben und weil Enttäuschungen eh nur das Resultat überzogener Erwartungen sind, ringt uns das eher ein Lächeln ab. Frustriert sind wir nicht. Ich denke, wir werden sicherlich noch mehr solche Erlebnisse in naher Zukunft haben.

Ansonsten freuen wir uns, wenn die Tage im Hotel rum sind. Zu viert auf 30qm wird auf die Dauer doch ziemlich anstrengend.